Menschen

«Die denken, ich sei ein Spinner»

Andres Methfessel taucht in seiner Freizeit in eiskalte Bergseen. Damit beweist der PostAuto-Fahrer und leidenschaftliche Ganzjahrescamper viel Mut.

Sandra Gonseth

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Porträt von Andres Methfessel
Andres Methfessel (56) ist in Arosa aufgewachsen. Seit zwei Jahren ist er Fahrer bei PostAuto. Er mag es, unterwegs zu sein, am liebsten hinter dem Steuer. Seine grosse Leidenschaft ist das Bergseetauchen. Copyright: Tom Huber

«Ich schlage hier ja keine Purzelbäume», sagt Andres Methfessel (56). Er weiss, die Platzverhältnisse in seinem umgebauten Postauto sind eng. Auf einer der drei Gasplatten köchelt eine Sugo mit Hackfleisch, die Standheizung, die mit Öl betrieben wird, surrt friedlich vor sich hin und in einem Aquarium drehen ein paar Zierfische ihre Runden. Der Bus ist 8 Meter lang und 2,30 Meter breit, hat eine Sitzecke und ein Bett. Auch eine Dusche ist eingebaut. Die nutzt der Bündner PostAuto-Fahrer aber selten. Da er sein Lager in der hintersten Ecke des Churer Campingplatzes in einem kleinen Waldstück aufgeschlagen hat, müsste er das Wasser immer hin- und herschleppen. Das ist ihm zu mühsam. Vor allem an diesem Januarmorgen. Draussen liegt ein halber Meter Schnee. Rekordmengen für Chur. Andres Methfessel benutzt deshalb lieber die sanitären Anlagen des Campingplatzes. Und geht auch mal ins Campingbeizli essen. Das ist aber jetzt wegen Corona zu.

Andres Methfessel in seinem ausrangierten und selber umgebauten Postauto auf dem Churer Campingplatz
Andres Methfessel lebt in einem ausrangierten und selber umgebauten Postauto auf dem Churer Campingplatz. Copyright: Tom Huber

Am liebsten unterwegs

Das alte Postauto hat er gekauft, nachdem einer nach dem anderen aus der Dreier-Männer-WG ausgezogen ist. Da er gerne «selber rumwerkelt», hat er sich seine kleine Wohnung mit Solaranlage auf dem Dach gleich selber eingebaut. Sein Lieblingsplatz ist hinter dem Steuerrad. «Dann weiss ich, dass ich unterwegs bin.» Andres Methfessel war mit dem Gefährt schon in Afrika und in Schottland. Auch bei seinem Job als PostAuto-Fahrer sitzt er hinter dem Steuer. Am liebsten von Chur nach Bellinzona. Eine touristische Strecke, die über den San Bernardino führt und im Winter auch mal die Schneeketten montiert werden müssen. Die Reisebusmentalität gefällt ihm. Da erzählt er dann etwas über die Geschichte in der Region. Von den Römern, die dort schon durchzogen sind oder davon, dass es spukt. Die Touristen mögen das. «Den Einheimischen muss ich das nicht erzählen, die wissen ja eh schon alles», sagt der gebürtige Aroser und lacht. Er mag den Kontakt zu den Leuten, ein wichtiger Grund, weshalb er Poschi fährt. «Sonst hätte ich ja auch Kies führen können», meint er trocken.

Mut zum Loslassen

Im Gegensatz zu den hochmodernen Postautos muss er bei seinem Oldtimer noch richtig etwas machen, um ihn in die Gänge zu bringen. Das gefällt ihm. Er hat eine Lehre bei der Rheinschiffahrt gemacht und ist zehn Jahre geblieben. Damals fuhr man noch in vier Tagen bis nach Rotterdam, jetzt schafft man das in drei. Als Matrose hat er auch gleich das Kochen für eine ganze Mannschaft gelernt. Heute brutzelt er lieber etwas draussen über dem Feuer. Oft mit seiner Partnerin, die in einer Wohnung in Chur lebt. Wie die Leute auf seine Lebensform reagieren? «Die denken, ich sei ein Spinner», meint er amüsiert. Viele sagen aber auch, so möchten sie auch leben. Sie setzten es aber dann nicht um. Weil ihnen der Mut zum Loslassen fehlt.

Andres Methfessel unter Wasser in einem Bündner Bergsee
Andres Methfessel taucht meistens alleine in den Bündner Bergseen. Copyright: Tom Huber

Solotaucher

Obwohl ihm die Einsamkeit im Winter nichts ausmacht, mag er auch die Sommermonate, wenn auf dem Campingplatz wieder Leben einkehrt. Er hat noch nie schlechte Erfahrungen mit den Touristen gemacht. Oft kommt er mit ihnen ins Gespräch. Manchmal sind auch Taucher dabei. Dann erforscht er mit ihnen die Unterwelt der Bündner Bergseen. Die schwachen Lichtverhältnisse sind die grosse Herausforderung. Meistens taucht er aber alleine. So wie heute. Da alle Zugänge zu den Bergseen verschneit sind, gehts zum Walensee. Dort fährt er zuerst mit seinem Zodiak-Schlauchboot auf den See hinaus. Immer dabei seine Kamera. «Als Solotaucher kann ich mich voll aufs Fotografieren konzentrieren und muss nicht noch auf einen Buddy aufpassen», sagt Andres Methfessel. Das Risiko sei berechenbar. «Wenn du diszipliniert bist, also wegen einem noch besseren Sujet nicht noch tiefer tauchst, ist es weniger gefährlich als eine Töfffahrt über zehn Pässe.» Für ihn ist Mut etwas ganz anderes: Zivilcourage. Jemandem helfen, dem Leid angetan wurde.

Er hat noch viel vor

Das Tauchen hat er vor 30 Jahren als Angestellter eines Wasserbauunternehmens gelernt. Drei Druckluftflaschen hat er pro Tauchgang dabei. Er bleibt 30 bis 60 Minuten unter Wasser und taucht bis zu einer Tiefe von 40 Metern. Die absolute Grenze für Sporttaucher. Die Unterwasserwelt im Walensee hat sich stark verändert: «Es gibt viel weniger Fische als früher, vor allem die Eglis sind fast ausgestorben», bedauert Andres Methfessel. Die Kläranlagen schaffen es nicht, alle biologisch nicht abbaubaren Produkte herauszufiltern. In diesem See, der übrigens auch zu den Bergseen zählt, kam es auch einmal zu einer brenzligen Situation. Der Bündner verlor bei einem Felsvorsprung, in den man reinschwimmen kann, die Orientierung, weil er den Kompass nicht sauber eingestellt hatte. Durch Ruhe und Konzentration schaffte er es, da wieder rauszukommen. Solche Erlebnisse motivieren ihn, sich beim nächsten Mal noch besser vorzubereiten. Denn Andres Methfessel hat ein grosses Ziel vor Augen: Er will Tauchgänge in allen hundert Bündner Bergseen machen. Zwanzig hat er schon. Dann zieht er sich den Tauchanzug über die Hüfte, schliesst den Reissverschluss, montiert Taucherbrille und Tauchflasche, steigt in die Flossen und verschwindet in der Dunkelheit des Sees.

Andres Methfessel im Taucheranzug im See
Andres Methfessel hat ein grosses Ziel vor Augen: Er will Tauchgänge in allen hundert Bündner Bergseen machen. Zwanzig hat er schon. Copyright: Tom Huber

verfasst von

Sandra Gonseth

Redaktorin